Sonntag, 12. Februar 2012






Wie das Zimmer von der kleinen Josi. Der kleinen Dame, deren Erinnerung wir uns die ganze Zeit ohne zu Fragen bedient haben. Die Josi ist nämlich die Person, die mit der Mutter am meisten Zeit verbringt und daher schon viele Male in den Genuss von Irma-Wallenburg-Anekdoten kam. Oft saß Josi dann an dem viereckigen Küchentisch, während die Mutter am Fenster stand und eine rauchte, denn in diesen Augenblicken schien sie gerne davon zu erzählen. Aus den genannten Gründen gab es in Josis Zimmer nur Dinge, die ihren Sinn und Zweck hatten. Ein Bett, zum schlafen, sinnvoll. Einen Schrank, für schöne, hüpfende Röcke und andere bunte Kleider, unabdingbar. Einen Schreibtisch und einen Stuhl, berechtigt. Der Schreibtisch hatte zwei Schubladen. Mehr bräuchte auch kein normaler Mensch, hatte ihr die Mutter versichert. Eine für die Blätter und eine für die Stifte. Das Ganze tat der Josi ganz gut, denn sie hatte so viel im Kopf, dass man die Leere im Zimmer ganz gut ertragen konnte. Da war beispielsweise die Katze Richard, die gar keinen Sinn oder Zweck hatte. Sie war nur lustig und schnitt Grimassen und trug einen rot-weiß gestreiften Zylinder. Sobald Josi alleine war spazierte sie durch das Zimmer. „Lass dich bloß nicht erwischen!“, raunte Josi ihm dann zu. Sie selbst saß meist ganz still auf dem Bett, mit ihrem dicken Kissen im Rücken und schielte zu Richard herüber, welcher sich durch den Raum kugelte. Dabei streckte er alle Viere von sich und blähte den Bauch ein wenig auf. Wie eine Wasserbombe eierte er dann über das Parket. „Lass das!“, kicherte Josi dann. Da war aber noch mehr und alles lag durcheinander. Wenn niemand da war, war Josi glücklich über das leere Zimmer. Dann sausten die knatternden Sternschnuppen nicht mehr von einem zum anderen Ohr, sondern quer durch den Raum. Und die klebrigen langen Rauchbänder von der Mutter zogen sich durchs ganze Zimmer, nicht mehr nur von Schläfe zu Schläfe. An ihnen blieb Richard oft haften, das gefiel ihm gar nicht. Riesige Sträuße mit langen Beinen standen dann in der Ecke, die Federn an der Decke platt gedrückt. Da verbogen sie sich dann die langen Hälse, um die Köpfe zusammen zustecken und flüsterten geheimnisvoll. Josi saß nur still in ihrem Bett und sah dem Durcheinander erleichtert zu. Die aus all den Erzählungen zu ihr geflüchtete Frisur von der Frau Wallenburg flatterte dann immer gehetzt durch den Raum, immer auf der Flucht vor Richard, der sie rastlos jagte. Staubflusen saßen meist im Schneidersitz in der Mitte des Zimmers und diskutierten lauthals auf einer Sprache, die Josi nicht sprach. Nur Richard ließ sich manchmal von ihnen ablenken. Dann hielt er kurz inne, lauschte und schüttelte ungläubig den Kopf, bevor er wieder mit Adleraugen den Raum nach Frau Wallenburgs Haarschopf absuchte. Manchmal zogen jedoch auch Gelächterschwaden durch das Zimmer. Dunkelrot, wie aus Watte, umkreisten sie manchmal Josis Kopf. Ein paar Augen beherbergten sie noch dazu. Jene versteckten sich meist im Innern, um dann plötzlich an irgendeiner Stelle hervor zu starren und Josi zu erschrecken. Dann lachten sie sie aus. Heute war die Luft jedoch rein, abgesehen von ein, zwei Rauchbändern, hinter denen sich Frau Wallenburgs Bob erfolgreich versteckte. Deshalb saß Richard mies gelaunt mitten auf dem Schreibtisch, wie ein Sandsack und gähnte. Sein Zylinder saß schief und er schmatzte gelangweilt vor sich hin. Er bemerkte Josis Blick und zwinkerte ihr zu. Er stand auf und drehte sich in Pirouetten, langsam, die Ärmchen zu einem kleinen Kreis geformt und immer mit dem Blick fest bei Josi. Und bei der letzten traute Josi ihren Augen nicht. Es blitzte sie silbern an. Richard hielt den schönsten von Mutters Töpfen in den dünnen Armen. Er lachte lautlos und tanzte auf dem Tisch umher. Schwenkte den Topf von links nach rechts.

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von Anna Röser-Dümmig illustration Katharina Röser- Dümmig